Bonn (WE). Als Hobby-Kletterer ist er an "Klimmzüge gewöhnt", jetzt "endgültig im Amt", besuchte er Schaufenster-Blickpunkt: Wolfgang Grießl ist Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg, mitgebracht hatte er Dr. Hubertus Hille, den seit Januar neuen IHK-Hauptgeschäftsführer. Beide stellten sich im Verlagsgebäude gerne den Fragen der Redaktion. Sachlich, informativ und konstruktiv lautet das Fazit aus dem knapp zweistündigen Gespräch in freundlicher Atmosphäre. Demnach meint es die IHK-Spitze ernst damit mehr zu sein, als lediglich eine vom Gesetz so vorgesehene Körperschaft des öffentlichen Rechts, in welcher über 54.000 Unternehmen der Region automatisch "Pflichtmitglied" sind.
SF: Herr Grießl, Herr Dr. Hille, ist die IHK in ihrer Entscheidungsfindung frei oder besteht ein Weisungsrecht über eine andere Organisation?
Grießl/Hille: Die IHK ist rechtlich eine Selbstverwaltungskörperschaft. Es besteht also seitens der Landesregierung eine sogenannte Rechtsaufsicht über das Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieses Wirtschaftsministerium achtet darauf, dass sich die IHK bei der Wahrnehmung ihrer Tätigkeiten im Rahmen der für sie geltenden Rechtsvorschriften hält.Fachlich hingegen kann die Aufsichtsbehörde nicht in die Gestaltung eingreifen. Im Interesse der regionalen Wirtschaft sind wir an die Vorgaben unserer Vollversammlung gebunden.
SF: Aus Gesprächen mit Unternehmern ist bekannt, dass die IHK auch kritisch gesehen wird. Können Sie sich das erklären?
Grießl/Hille: Wir wissen um die Diskussionen und arbeiten ständig daran, besser zu werden. An den finanziellen Beiträgen der Mitglieder liegt es sicher nicht. Viele kleine Unternehmen sind vom Beitrag befreit, erhalten aber dennoch alle Leistungen. Diese müssen wir deutlicher machen.
SF: Was hat denn ein Unternehmen von der Mitgliedschaft in Ihrer Organisation?
Grießl/Hille: Unsere Arbeit beruht auf drei Säulen: Zunächst sind da die hoheitlichen Aufgaben. Das sind die Dinge, die uns vom Staat übertragen worden sind. Bei der Berufsausbildung z. B. bestätigt uns der Staat, dass eine vor Ort befindliche IHK solche Aufgaben viel effizienter und insofern besser erfüllen kann. Und wer, wenn nicht wir als Interessenvertretung der Unternehmen, sollte diese Dinge für die Unternehmen regeln?
Zum zweiten sind wir in der Politikberatung Partner der Wirtschaft. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind darauf angewiesen, eine starke Stimme in der politischen Entscheidungsfindung zu haben. Durch die Rückendeckung von mehr als 54.000 Mitgliedern in unserem Kammerbezirk wird unsere Stimme bei allen politischen Entscheidungsträgern gehört. Auch das, also die politische Interessensvertretung der regionalen Wirtschaft, ist eine wesentliche Aufgabe der IHK. Die dritte, ganz wichtige Säule schließlich, besteht aus den Dienstleistungen, die wir anbieten. Das ist ein praktischer und unmittelbarer Nutzen, den wir den Mitgliedern bieten. Wir in der IHK Bonn/Rhein-Sieg sehen diese auch als unsere Kunden, Kunden haben Wünsche an ihren Dienstleister IHK und wir bemühen uns, diese Kundenwünsche zu erfüllen.
SF: Wann werden Sie Ihre anspruchsvollen Ziele mit den drei Säulen erfüllt haben?
Grießl/Hille: Nie, denn das Ganze sehen wir als einen immerwährenden Prozess. Diesen müssen wir selbst immer wieder neu im Auge behalten, auf neue Fragen auch immer neue, richtige Antworten finden und uns praktisch tagtäglich neu "erfinden", um auch den Ansprüchen unserer Mitglieder, "unserer Kunden" gerecht zu werden. Wie auch immer: Die IHK wird gehört und hat eine Basis durch die Rückendeckung des Parlaments der Wirtschaft, der Vollversammlung, in der alle wesentlichen Entscheidungen getroffen werden. Als IHK bilden wir die Gesamtheit der Unternehmerschaft. Wir bündeln die Interessen der Unternehmen und dienen allen zugleich. Die Region Bonn/Rhein-Sieg ist wirtschaftlich stark
SF: Sind Sie mit der Entwicklung in Ihrem Kammerbezirk zufrieden?
Grießl /Hille: Wir befinden uns in unserer Region in einem boomenden Umfeld mit einer gesunden Wirtschaft. Es ist außerdem nicht selbstverständlich, in einem IHK-Bezirk auch gleich zwei große Dax-Unternehmen zu haben. Wir haben aber natürlich nicht nur die Interessen großer, sondern insbesondere auch die der mittelständischen und kleinen Unternehmen ausgleichend und abwägend zu vertreten. Das ist eine sehr reizvolle Aufgabe. Unserer Wirtschaftsregion geht es sehr viel besser als anderen. Viele Menschen ziehen hierher. Sie wollen in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis leben und arbeiten. Das ist natürlich auch gut für die hiesige Wirtschaft. Diese grundsätzlich sehr positiven Ansätze schaffen andererseits ihre eigenen Probleme, etwa beim Wohnungsmarkt oder dem Kulturangebot. Eine weitere Herausforderung wäre sicherlich insbesondere im Bonner Bereich mehr Industrie anzusiedeln, was eher schwierig ist. Wir haben hier nur zehn Prozent Industrie in der Gesamtwertschöpfung, im Rhein-Sieg-Kreis ist es deutlich mehr. Der deutsche Durchschnitt liegt bei etwa 23 Prozent. Wir wollen neue Chancen für Industrieunternehmen in der Region entwickeln. Etwa dadurch, dass man Erfolgsfaktoren miteinander vernetzt. IHK ist politisch unabhängig
SF: Kommen wir zu einigen konkreten Problemfeldern. Hierzu interessiert unsere Leserinnen und Leser ganz besonders der Standpunkt der IHK. Wie stehen Sie zur Energiepolitik? Wie halten Sie es mit der Politik, insbesondere mit der Kommunalpolitik? Welche Problemfelder sehen Sie beim Wohnungsbau, beim Verkehr und bei der Kultur?
Wolfgang Grießl: Die Politik der Energiewende wollen wir in unserer Region kritisch-konstruktiv begleiten. Die neue Politik muss allerdings auch umgesetzt werden. Hier gibt es viele offene Fragen, die wir gerne mit anpacken. Schließlich reicht nicht allein der Beschluss, etwas ändern zu wollen. Man muss schon sagen, welches Alternativkonzept man hat. So stellt sich der Energietransport als derzeit noch ungelöstes Problem dar. Wie speichert man denn eigentlich Energie? Wie will man ordnungspolitisch mit den Stromversorgern umgehen? Wie sollen wir effizienter mit Strom umgehen? Wollen oder müssen wir mit erneuerbaren Energien umgehen? Wie geht's weiter mit Solarstrom? Nehmen Sie den Solarstrom, der zurzeit auch international in einer schwierigen Situation ist. Das heißt aber ja nicht, dass die dahinter stehende Denke falsch wäre. Für uns heißt das, sehr aufmerksam zu beobachten, wie etwa die Chinesen mit dem dort betriebenen Turbokapitalismus und dazu mit massiver Unterstützung des Staates Erfolge generieren.
Dr. Hubertus Hille: Wir denken darüber nach, wie man in der Region weitere Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien ansiedeln könnte. Wir denken dabei auch an Windenergie oder an Biogasanlagen. Aber wie immer gilt auch hier leider oft "not in my backyard", man akzeptiert entsprechende Begleiterscheinungen leider nicht immer im eigenen Umfeld. Mit regenerativen Energien etwa könnte man prinzipiell auch unsere Region versorgen. Aber wir sind im Interesse unserer Mitglieder selbstverständlich an einer soliden Grundlastfähigkeit interessiert. Die Industrie und andere Unternehmen müssen auf eine Energie vertrauen können, die konstant verfügbar ist, also schwankungsunabhängig ist. Das allein zu sichern, ist schon eine große Herausforderung.
Wolfgang Grießl: Lassen Sie uns kurz
zur Politik kommen. Hierzu ist es mir wichtig, festzustellen, dass
die IHK parteipolitisch völlig unabhängig ist und deshalb
frei und offen in der Meinungsbildung ist. Wir führen unsere
Gespräche mit der Politik aber nicht über die Presse,
sondern konstruktiv in den dazu vorgesehenen Gremien und mit den
zuständigen Personen. Dort aber sagen wir klar und deutlich
unsere Meinung. Da gibt es in der Tat noch Potential für
Verbesserungen. Beispiel Kultur: Für die Kammer ist sie nicht
zuletzt ein hohes Wirtschaftsgut. So trägt eine
Weiterentwicklung des Beethoven-Standortes Bonn zu einer eigenen
Marke ganz wesentlich zur internationalen Attraktivität und
Imagebildung für die Stadt bei.
Um uns zu behaupten, brauchen wir auch die Internationalität,
UN-Einrichtungen, NGOs und die sie ergänzenden
Bundesministerien.
Kulturförderung ist auch Wirtschaftsförderung. Ich
plädiere in diesem Zusammenhang vehement auch für ein
neues Festspielhaus. Wohlgemerkt, das sehe ich auch unter
wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Wir schaffen mit einem neuen
Festspielhaus deutschland- und weltweit Reputation und ein
unverwechselbares Bonn-Merkmal. Hier reichen die jetzt erkennbaren
Bemühungen aus meiner Sicht noch nicht aus.
SF: Also ist hier Ihrer Meinung nach die Wirtschaftsförderung gefragt?
Wolfgang Grießl: Ja, auch. Mit dem Pfund Beethoven muss man punkten. Bonn muss seinen Ruf als Beethoven-Stadt weiter ausbauen.
SF: Sie finden es also richtig, dass noch mehr Geld aus dem Kulturtopf in Beethoven investiert wird?
Wolfgang Grießl: Es geht nicht um mehr Geld. Aber noch einmal: Das ist auch Wirtschaftsförderung. Wir brauchen einen guten Mix, auch aus Klassik und Popmusik. Eben einen Mix, der auch dem Spiegelbild der Bevölkerung entspricht. Die Rheinkultur zieht an einem einzigen Wochenende 160.000 Besucher an und wird dafür von der Stadt mit 80.000 Euro bezuschusst, die Bonner Oper mit im Jahr rund 100.000 Besuchern erhält 20 Millionen Euro an Zuschuss-Geldern, hier darf man doch über die Proportionen nachdenken. Oder das Labyrinth in der Rheinaue, das man für einen lächerlichen, theoretischen Zugewinn aus Bonn weg, unter Umständen fremd vergeben möchte. Oder die jetzt nicht mehr stattfindenden Konzerte auf der Museumsmeile. Das alles sind Dinge, über die man reden muss. Oder auch die Verkehrssituation. Durch wechselnde politische Mehrheiten sind hier in der Vergangenheit grobe Fehlplanungen passiert. Hier Folgen abzumildern oder neue Fehler zu vermeiden, das sehen wir auch als unsere Aufgabe im Interesse der von uns vertretenen Unternehmen an. Bildung und Ausbildung sind unser Kapital
SF: Sagen Sie bitte noch etwas zum Ausbildungsmarkt
Wolfgang Grießl: Dieser Markt hat sich vollständig gewandelt. Früher mussten wir Unternehmen suchen, die ausbilden wollen, heute ist es umgekehrt. Die Unternehmen suchen händeringend nach passenden, qualifizierten Auszubildenden. Die IHK unterstützt die Unternehmen dabei.
SF: Wie ?
Wolfgang Grießl: Wir gehen heute als IHK auch direkt an die Hochschulen, schließen Kooperationsverträge, um junge Leute frühzeitig an regionale Unternehmen zu binden. Wir helfen auch bei der Vermittlung von Praktika. Bereits in den Schulen arbeiten wir unmittelbar mit den Schülern, um für eine Ausbildung und einen Beruf zu werben. Wie gesagt, es ist ein kompletter Wandel eingetreten.
Dr. Hubertus Hille: Es besteht ein scheinbarer Widerspruch zwischen der Tatsache, dass die Unternehmen händeringend Nachwuchs suchen und der ebenfalls unbestreitbaren Tatsache, dass immer noch junge Leute keinen Ausbildungsplatz finden. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und differenziert zu sehen. Viele Schulabgänger haben Probleme beim rechnen, schreiben oder lesen. Oft müssen Unternehmen das nachholen, was möglicherweise in den Familien versäumt wurde, nämlich den Kindern zu vermitteln, wie wichtig z.B. eine gute Ausbildung für den weiteren Lebensweg jedes Einzelnen ist.
Wolfgang Grießl: Wie auch immer: das Bildungswesen ist für die Unternehmen ein wichtiger Faktor. Wir in Deutschland sollten dabei vorne sein und nicht hintenan stehen. Es wird aber seit Jahrzehnten von Investitionen in Bildung geredet, es passiert aber nicht viel.
SF: Wie ist die Lage im Einzelhandel in Bonn und Umgebung ?
Wolfgang Grießl: Uns liegt das aktuelle Ergebnis der letzten Umfrage vor. Nur noch 10,8 % der befragten Betriebe blicken optimistisch in die Zukunft, 67,6 % der Einzelhändler gehen davon aus, dass sich an ihrer Lage und zum Teil rückläufigen Umsätzen nicht viel ändert. Das mag im Einzelhandel auch mit bisherigen, für das Wintergeschäft ungünstigen Wetterverhältnissen zusammen hängen. Bundesweit ist die Geschäftsentwicklung insgesamt aber positiv. Ich bin aber optimistisch und hoffe, dass auch der hiesige, qualitativ wirklich gute Einzelhandel zukünftig von einer guten Nachfrage profitieren wird.
SF: Ein Schlusswort von Ihnen.
Wolfgang Grießl: Wir sind ein starker Partner der Wirtschaft und werden mit unserem neuen Team aktiv und voller Optimismus den Herausforderungen begegnen.
Dr. Hubertus Hille: Die IHK Bonn/Rhein-Sieg hat gelernt zuzuhören. Wir sind bestrebt, bestehende Probleme zu analysieren und mitzuhelfen, lösungsorientierte Strategien für die Zukunft zu entwickeln und das sehr rasch und effizient. Wir brauchen aber auch die Mitarbeit und das Engagement von Unternehmerinnen und Unternehmern.
SF: Wir danken für das Gespräch.
(Das Gespräch führten Jens Hoffmeister, Wolfgang Weller
und Jochen Weik).
Wolfgang Grießl privat:
Der gebürtige Euskirchener betreibt in Bonn mit dem
Software-Entwickler Phoenix GmbH drei Unternehmen mit insgesamt
rund 50 Mitarbeitern. Softwareentwicklung, Warenwirtschaftssysteme,
IT-Unterstützung und IT-Unternehmensberatung stehen dabei im
Vordergrund. Sein morgendlicher Arbeitstag beginnt um 5 Uhr am
Schreibtisch, dann eine Runde joggen und anschließend ins
Büro. Die ehrenamtliche Tätigkeit als IHK-Präsident
nimmt durchschnittlich zwei komplette Tage pro Woche in Anspruch.
Wolfgang Grießl übt die Tätigkeit gerne aus und
nimmt die Aufgabe als IHK-Präsident sehr ernst. Privat spielt
der verheiratete Vater zweier erwachsener Söhne im Sommer gern
Golf (Handicap 28,4) und klettert beispielsweise mit Freunden in
den Dolomiten, oder auch mal an der Kletterwand. Besonders gern ist
er mit seiner Ehefrau auf Städtereisen, etwa in Rom, wo der
Hobbykoch mit Begeisterung neben den kulturellen Besonderheiten
gerne mal an einem ganz besonderen "Kochkurs" teilnimmt
(Tipp: La Pergola Rom). Musikalisch mag er nicht nur Klassik. Zu
Hause läuft auch schon mal eine CD von "Deep Purple"
oder gerne auch mal von der Newcomerin "Adele".
Dr. Hubertus Hille privat:
Er wurde zwar in Jordanien geboren, aber seine Wurzeln liegen in
Wachtberg. Verheiratet und Vater eines 8-Jährigen Sohnes und
zweier 6- und 4-Jähriger Töchter, widmet er sich
hauptsächlich seiner Familie, wenn er als
"Noch-Pendler" am Wochenende von Bonn nach Frankfurt
fährt, seiner vorherigen Wirkungsstätte. Er ist derzeit
noch auf Haussuche für sich und seine Familie hier in der
Region. Sportlich betreibt er z. B. das Skilaufen. Wichtig ist ihm
beim Sport das spielerische Element, damit's auch Spaß
macht.
Dr. Hille hat an der Bundeswehrhochschule Hamburg promoviert, war
später bei der Allianz, dann beim Deutschen Industrie- und
Handelstag und zuletzt bei der IHK Frankfurt im Bereich
Wirtschaftspolitik und Metropolenentwicklung beschäftigt. Seit
Jahresbeginn 2012 ist er Hauptgeschäftsführer der IHK
Bonn/Rhein-Sieg.






